Konfliktfähigkeit ist eine Ressource: Was möglich wird, wenn wir Konflikte führen können

Während ich mein Buch (hier gehts zur Buch-Seite) über Konfliktfähigkeit geschrieben habe, ist meine Großmutter, von der du hier einige Male gehört hast, gestorben. Elisabeth Koelle. Fast 99 Jahre alt ist sie geworden.

Eine oft eiserne Lady, die aber auch ein wirklich warmes Herz hatte – und mit der ein wirklich warmer Kontakt für mich zu ihren Lebzeiten nicht möglich war. Am Ende, in ihren letzten Wochen, gab es noch so etwas wie eine vorsichtige Annäherung. Ein paar stille Momente an ihrem Sterbebett, ein paar Sätze zwischen uns, die Aspekte von Zugewandtheit hatten.

Jetzt stehe ich in ihrem Haus. Groß. Schön. Mit einem Garten, der auf den Botanischen Garten schaut. Und ich denke: Wie absurd ist es, dass so viel Raum so leer werden kann – nicht, weil niemand da war, sondern weil Nähe nicht lebbar war.

Keines ihrer Kinder oder Enkelkinder konnte sich vorstellen, hier (mit ihr) zu leben.

Das Haus meiner Großeltern stand für mich als Kind für Ordnung, Struktur, Ruhe und Sauberkeit. Fast schon ein Gegensatz zu meinem eigenen Elternhaus. Etwas zusätzliche Struktur, Klarheit und Ruhe wären für mich damals als Kind sicher eine schöne Bereicherung gewesen. Ein zusätzlicher Hafen. Eine Form von Beheimatung mehr.

Und umgekehrt hätte dem Haus – und wahrscheinlich auch meinen Großeltern – etwas Lebendigkeit in der Bude gutgetan.

Das ging aber nicht.

Als Erwachsene kam es mir immer wieder absurd vor: Meine Großmutter hatte so viel Platz, und meine Familie und ich lebten zwar gemütlich, aber doch etwas beengt in einer Neuköllner Mietwohnung. Meine Großmutter war zwar durch Dienstleistungen gut versorgt, aber trotzdem einsamer, als sie es sich wünschte, in ihrem großen Haus.

Ich habe ein Händchen für Pflege und Begleitung und mache das sogar teilweise gerne. Aber ein wechselseitiger Austausch von Ressourcen und Möglichkeiten war zwischen uns einfach nicht möglich.

Der Fluss war blockiert.

Es war nicht denkbar – und damit nicht lebbar.

Mehr Konfliktfähigkeit = mehr Möglichkeiten

Ich frage mich manchmal: Was wäre möglich gewesen, wenn wir, also meine Eltern und später ich, mehr KonfliktAbility – mehr Konfliktfähigkeit – gehabt hätten?

Wenn wir Grenzen hätten setzen können, ohne die Beziehung zu kündigen.

Wenn wir hätten sagen können: „Ich mag dich. Und so nicht.“

Wenn wir hätten fragen können: „Wovor schützt dich diese Ordnung?“ Oder: „Was befürchtest du, wenn Frauen arbeiten gehen?“ – und gleichzeitig klar geblieben wären: „Du kannst mich kritisieren, aber du darfst mich nicht aburteilen.“

Und eben auch mal zu sagen: „Es geht nicht, dass du meinen Vater nicht respektierst, nur weil er einen langen Bart hat.“

Die stärkste Form von Liebe ist manchmal nicht Harmonie. Es ist Dableiben, ohne sich wegzuducken. Mit Haltung. Und Offenheit: Durchsetzungskraft + Empathie.

Und noch mehr: Was wäre möglich gewesen, wenn meine Großmutter selbst mehr KonfliktAbility gehabt hätte?

Wenn ich diese Fragen stelle, wird deutlich, dass wir vieles an Ressourcen und Möglichkeiten verpassen oder gar zerstören, weil wir als Einzelpersonen, als Familienmitglieder, als Teammitglieder und als Gesellschaft nicht in Konfliktfähigkeit investieren.

Und was in meiner Familie passiert ist, passiert überall: Menschen bringen unterschiedliche Ressourcen, Fähigkeiten, Temperamente und Wertvorstellungen mit – und dann kommt der Moment der Spannung.

Dieser Moment ist nicht das Problem.

Er ist die Weggabelung.

Ob daraus Entwicklung wird oder es anfängt zu bröckeln, ob sich Ressourcen und Möglichkeiten gemeinsam zu etwas Größerem potenzieren oder nebeneinander brachliegen oder suboptimal genutzt werden – hängt selten nur vom Thema ab, sondern ganz wesentlich von der Konfliktfähigkeit der Beteiligten.

Fehlende Konfliktfähigkeit kommt uns teuer zu stehen

Von Häusern, Unternehmen und Politik: KonfliktAbility als Kultur

Das, was aufgrund fehlender Konfliktfähigkeit passiert, sind im besten Fall ungenutzte Möglichkeiten: Beziehungen, die tiefer sein könnten; Meetings, die produktiver sein könnten; Projekte, die unter ihrem Potenzial bleiben; Unternehmen, bei denen noch mehr gehen könnte.

Kurz: verschenkte Möglichkeiten.

In vielen Fällen hat fehlende Konfliktfähigkeit jedoch weitaus schlimmere Folgen.

Das kennen wir alle: Familien, Beziehungen und Projekte, die unschön (und teuer) auseinanderfallen; gravierende Fehlentscheidungen in Firmen; bröckelndes Vertrauen; zunehmende Erschöpfung und Krankenstände; gestresste Führungskräfte und unsichere Mitarbeitende – und eine Debattenunkultur in unserer Demokratie, bei der man nur hoffen kann, dass aus Worten nicht Taten werden.

Konfliktfähigkeit ist deshalb für mich nicht einfach eine nette soziale Kompetenz.

Sie ist eine Ressource.

Sie entscheidet mit darüber, ob wir die Unterschiede zwischen Menschen produktiv nutzen können – oder ob wir an ihnen langsam oder plötzlich auseinanderdriften.

Konfliktfähigkeit kann man trainieren

Konfliktfähigkeit entwickelt man nicht über Nacht. Schwachstellen im Empathie- und/oder Durchsetzungsmuskel brauchen Zeit, um sich zu entwickeln.

(In meiner KonfliktAbility Beratung findest du heraus, wie es genau um diese beiden Muskeln bei dir steht und bekommst einen indviduellen Trainingsplan, der deinen persönlichen Trainingsbedarf abdeckt und dich Schritt für Schritt in Deine Konfliktfähigkeit bringt)

Diese Kräfte entwickeln sich vor allem dadurch, dass wir sie gezielt und dosiert trainieren. Schritt für Schritt.

Wir können lernen, Grenzen früher wahrzunehmen und klarer zu setzen. Wir können lernen, Nein zu sagen. Wir können lernen, andere wirklich zu hören, ohne dabei die eigene Position zu verlieren. Und wir können lernen, die Spannung auszuhalten, die entsteht, wenn zwei Menschen etwas Unterschiedliches wollen.

Bis Empathie und Durchsetzungskraft irgendwann so selbstverständlich zur Verfügung stehen, dass wir im Moment der Spannung in der Lage sind, den anderen zu hören, uns berühren und mitunter auch bewegen zu lassen UND gleichzeitig uns selbst mit unseren Grenzen, Bedürfnissen, Meinungen und Zielen wahrzunehmen und klar zu vertreten.

Das ist ein Weg, der weiter geht als ein Kommunikationstraining oder ein Methodenworkshop.

(KonfliktAbility-Traings gehen deshalb über 6 Monate und setzten den Schwerpunkt auf üben, üben, üben - hier kannst Du Dich darüber informiere)

Und ich glaube, dass er sich lohnt: für die eigene mentale Gesundheit, für privates und familiäres Glück, für die Stimmung und Power in Teams – und, etwas größer gedacht, auch für die Art, wie wir als Gesellschaft miteinander streiten.

Denn überall dort, wo Menschen gemeinsam etwas aufbauen wollen, werden Unterschiede entstehen.

Die Frage ist nicht, ob wir Konflikte haben.

Die Frage ist, was wir mit ihnen machen.

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