Durchsetzungskraft kann Räume schüzten

Grenzen setzen schützt Räume – dafür brauchst du Durchsetzungskraft.

Am See. Diesen Sommer. Unser Lieblings-Campingplatz in Brandenburg. Jeden Abend gibt es Beachvolleyball mit drei Generationen. Jeden Abend eine kleine, offene Gruppe voller netter Menschen, die gemeinsam spielen, üben, besser werden. Wenig Kritik. Es geht ums Ausprobieren und besser werden. Wunderschön. Und klappt. Die Stimmung ist warm, wohltuend und gleichzeitig sehr sportlich.

Wir bekommen Besuch. Darunter ein Kind, das wir schon kennen, seit es geboren ist. Hier heißt es Tom. Ein ganz süßer 14-jähriger Teenager. Tom ist mit uns, spielt Volleyball, grenzt sich manchmal von seiner Mutter ab und manchmal nicht, ist mit meinen Kindern. Wie es halt so ist in dem Alter. Alles gut.

Ein zweiter Junge kommt zu Besuch, ihn kennen wir nicht so besonders gut. Meine beiden Kinder stellen fest, dass er ziemlich „rumdiggert“ und reagieren eher verhalten.

Tom – der, das wissen wir, auch ganz schön „diggern“ kann – ist plötzlich wie verwandelt. Ein Sog scheint zwischen den beiden Jungs zu entstehen. Eine Konzentration aufeinander, ein Einsteigen in einen kulturellen Code, den ich nicht besonders gut beherrsche und der viel mit Sticheln, Kommentieren und Bewerten zu tun hat. Darin ist Spaß und auch etwas Schalkiges, aber auch Anspannung und ziemlich viel Dynamik.

Die beiden spielen mit uns Volleyball. Aber plötzlich kommentieren sie fast jeden Fehler mit „Faaahhhh“. Jeder Patzer bekommt einen Kommentar, besonders betroffen ist eine gleichaltrige Teenagerin auf dem Platz.

Es wirkt wie Spaß. Aber die Stimmung auf dem Platz verändert sich sichtlich. Eine Frau geht raus, die anderen werden etwas verhaltener, stiller. Die beiden Jungs sind ziemlich laut mit ihrem „Faaahhhh“.

Das Spiel ist ein anderes geworden. Es ist weniger geworden: weniger leicht, weniger freudvoll, weniger experimentierfreudig.

Da reicht es mir.

Ich würde die beiden Jungs am liebsten zur Schnecke machen. Aber das mache ich nicht. Stattdessen verbinde ich mich kurz damit, was ich hier eigentlich schützen will: diesen offenen Raum – und am Ende auch die beiden Jungs.

Und dann werde ich ziemlich laut, aber nicht unfreundlich:

„Ey Leute, lasst das bitte. Es nervt total. Das hier ist ein offener Raum des Ausprobierens, und wenn ihr jedes Mal dieses Faaah macht, wenn jemand den Ball nicht kriegt, geht der kaputt.“

Kurze Stille auf dem Platz. Die Jungs murren kurz. Dann wird weitergespielt.

Einmal geht das „Faaah“ noch wieder los. Die Teenagerin bezieht sich drauf und sagt zu mir: „Die machen das schon wieder!“ Da sage ich nochmal: „Hey, wirklich. Das ist nicht cool. Hört auf damit!”

Und dann hört es auf.

Ich muss selbst noch kurz meinen Ärger loslassen, dann spielen wir alle – inklusive der Jungs – weiter. Ohne Kommentare. Der Raum entspannt sich wieder. Es hat wieder fast die gleiche Leichtigkeit wie vorher. Auch die beiden Jungs wirken völlig okay.

Danach kommen noch zwei Mitspieler*innen auf mich zu und bedanken sich, dass ich so schnell gehandelt habe.

Was habe ich gemacht?

Ich habe einen Raum geschützt, der wertvoll war und der drohte, durch eine Kultur des Stichelns und Bewertens verloren zu gehen.

Dafür habe ich meine Durchsetzungskraft eingesetzt.

Nicht ohne vorher einen kleinen inneren Anker auszuwerfen:

Was schütze ich hier eigentlich? WOFÜR trete ich ein?

Das macht für mich einen Unterschied.

Denn ich kann meinen Ärger benutzen, um andere abzustrafen. Oder ich kann dieselbe Grundenergie benutzen, um etwas zu schützen, das mir wichtig ist. Ärger GEGEN jemanden oder Wut FÜR etwas.

Es brauchte nur zwei Menschen (von 12), um die Kultur auf diesem Platz merklich zu verändern.

Und es brauchte eine ziemlich klare Grenze, um sie wieder zu verändern.

Nicht gegen die Jungs. Denn auch sie konnten danach wieder ganz selbstverständlich mitspielen.

Grenzen setzen heißt nicht immer, jemanden auszugrenzen.

Manchmal setzen wir eine Grenze, damit ein offener Raum offen bleiben kann.

Dafür brauchen wir Durchsetzungskraft.

Weiterlesen: Warum Durchsetzungskraft ein zentraler Teil von Konfliktfähigkeit ist und wie sie sich trainieren lässt, erfährst du in diesem Blogartikel. Wenn du mehr über meinen Ansatz erfahren möchtest, wie Emapthie und Durchsetzungskraft zusammen wirken und wahre Konfliktfähigkeit (bei mir KonfliktAbility) ermöglichen, schau mal in mein Buch.

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