Konfliktfähigkeit ist Ressourcenschutz
.Es gibt Sätze, die man erst später wirklich versteht.
Einer davon war für mich der Satz meiner Buch-Coachin: Wenn man ein Buch schreibt, wird man dabei zur Expertin für das Thema, über das man schreibt.
Damals dachte ich: Ja, klar. Klingt plausibel. Aber jetzt, wo mein Buch KonfliktAbility in der Endphase ist, merke ich, wie wahr dieser Satz tatsächlich ist.
Konfliktunfähigkeit = verschenkte Möglichkeiten
Denn mit dem Schreiben ist nicht nur mein Blick auf das Thema klarer geworden. Auch mein Blick auf mein eigenes Leben ist klarer geworden. Ich sehe heute deutlicher, welche Situationen, Beziehungen und Entwicklungen in meinem Leben darunter gelitten haben, dass Konfliktfähigkeit nicht ausreichend entwickelt war. Nicht dramatisch im Sinne von „alles war falsch“. Ich bin durchaus glücklich mit dem, was ist. Aber ich sehe viel klarer, was noch mehr möglich gewesen wäre.
Und ich sehe noch etwas: wie häufig Menschen an mangelnder Konfliktfähigkeit scheitern. In Beziehungen. In Familien. In Teams. In Organisationen. In gesellschaftlichen Debatten.
Was dabei verloren geht, ist enorm. Zeit. Kraft. Vertrauen. Klarheit. Geld. Kreativität. Beziehungen. Manchmal ganze Projekte. Manchmal ganze Möglichkeiten.
Deshalb glaube ich inzwischen: Konfliktfähigkeit ist nicht einfach ein Soft Skill.
Konfliktfähigkeit ist Ressourcenschutz
Je weniger wir uns Verschwendung leisten können, desto wichtiger wird sie.
Die Frage nach KonfliktAbility hat mich vor mehr als 20 Jahren zur Gewaltfreien Kommunikation geführt. Sie war für mich ein wichtiger Schritt. Und gleichzeitig hat mich dieselbe Frage inzwischen auch wieder ein Stück weit von ihr weggeführt. Nicht, weil Empathie unwichtig wäre. Im Gegenteil. Sondern weil ich glaube, dass Empathie allein nicht reicht.
Empathie allein macht noch nicht konfliktfähig.
Dann kippt ein System oft nur vom autoritären Paradigma in sein Gegenstück. Das mag in vielem angenehmer sein. Vielleicht auch menschlicher. Aber im Hinblick auf Konfliktfähigkeit ist das noch nicht automatisch ein Fortschritt.
Denn echte Konfliktfähigkeit entsteht nicht nur dort, wo Menschen einander fühlen und verstehen. Sie entsteht dort, wo Empathie und Durchsetzungskraft zusammenkommen.
Ich glaube: Genau in dieser Mitte liegt Konfliktfähigkeit.
Darum arbeite ich mit dieser Formel:
Konfliktfähigkeit = Empathie + Durchsetzungskraft
Beides sind keine festen Charaktereigenschaften. Beides sind Fähigkeiten. Beides sind Muskeln. Und Muskeln kann man trainieren.
Wer sehr empathisch ist, braucht oft vor allem Training in Durchsetzungskraft. Wer stark in der Durchsetzung ist, aber wenig empathisch, braucht meist ein gezieltes Training in Empathie. Und unter beidem liegt noch etwas Drittes: die Fähigkeit, Spannung im Nervensystem auszuhalten.
Denn sobald sowohl Empathie als auch Durchsetzungskraft wachsen, steigt auch die innere Spannung. Man muss mehr Ambivalenz aushalten. Mehr innere Aktivierung. Mehr Unsicherheit. Mehr Reibung. Mehr Lebendigkeit.
Dafür braucht es starke Nerven.
Zum Glück sind auch die nicht einfach angeboren oder nicht angeboren. Das Nervensystem ist trainierbar. Es lässt sich regulieren. Und genau darin liegt für mich ein entscheidender Schlüssel: Konfliktfähigkeit ist kein Talent, das manche haben und andere eben nicht. Sie ist trainierbar.
Wer KonfliktAbility entwickelt, lernt, Konflikte weder unnötig aggressiv zu eskalieren noch sie vermeidend wegzuempathisieren. Sondern sie klar, menschlich und angemessen zu führen.
Für mich ist das mehr als nur ein Kommunikationsthema. Es ist eine kulturelle Frage.
KonfliktAbility als Bewegung:
Am liebsten würde ich KonfliktAbility als Bewegung ausrufen. Nicht im Sinne einer neuen Ideologie, die vorgibt, wie gesellschaftliche Probleme zu lösen sind. Sondern als Einladung, die Konflikte um diese Probleme herum so zu führen, dass tragfähige Lösungen überhaupt erst entstehen können.
Mit mehr Empathie. Mit mehr Durchsetzungskraft. Und mit mehr Fähigkeit, Spannung auszuhalten.
Gerade geht für mich erst einmal der erste große Schritt zu Ende: das Buch KonfliktAbility. Es liegt bei der Layouterin und kommt bald heraus.
Und ich merke: Das Thema ist für mich beim Schreiben nicht kleiner geworden, sondern größer.
Vielleicht ist das das beste Zeichen dafür, dass ich an etwas Wesentlichem dran bin.